Sommerloch-Griff in das Archiv: Das Land ohne Täter – Francos 25. Todestag: Diktatur in Spanien bis heute ein Tabu
07.07.2009 Von Heinz Gomez
MADRID – Erschienen am Freitag, 10. November 2000 im Palma Kurier – Bis heute ist die Franco-Diktatur ein Tabuthema in Spanien: Die kritische Auseinandersetzung mit der fast 40jährigen Gewaltherrschaft fand nie statt, weil der friedliche Übergang zur Demokratie nicht gefährdet werden sollte. Doch auch der neuen Generation gelingt die Aufarbeitung der Vergangenheit nicht. Wer zwischen Tätern und Opfern unterscheidet, macht sich unbeliebt.
Rund 60 Kilometer nordwestlich von Madrid, befindet sich eines der kuriosesten Mahnmale Europas: Das Valle de los Caídos, das Tal der Gefallenen. Hauptattraktion ist eine in den Felsen getriebene Basilika, über der ein steinernes Kreuz 15 Meter hoch in den Himmel ragt. In der mehrsprachigen Besucherbroschüre heißt es: „Francisco Franco, der frühere Staatschef, hatte das Gefallenendenkmal als Symbol des Friedens zwischen den feindlichen Parteien des Bürgerkriegs gedacht, weshalb hier über 50.000 Kriegsopfer begraben sind. Franco wurde ebenfalls hier beigesetzt.“
Der Text hat mit der Wahrheit nicht viel gemein. Der „frühere Staatschef“ war ohne Zweifel ein blutiger Diktator, und zur Versöhnung mit seinen Gegnern aus dem Bürgerkrieg war er nie bereit. Selbst der blutige Bürgerkrieg, der mehr als 70.000 Opfer forderte, wird bis heute in vielen Schulbüchern zur „nationalen Katastrophe“ umgedeutet. Es ist völlig normal, daß Straßen und Plätze in spanischen Städten noch immer nach Franco oder dem Gründer der Falange-Gruppe José Antonio Primo de Rivera benannt sind. Auch im lange Zeit sozialistisch regierten Madrid ehrt eine große Ausfallstraße die „Gefallenen der blauen Division“, spanische Soldaten, die an der Seite Hitlers gegen Rußland in den Krieg zogen.
25 Jahre nach dem Tod von Franco beschäftigt sich das spanische Volk nicht mehr mit historischen Finessen. Nur wenige Spanier fragen sich, wie es möglich war, daß die Republik kein Mittel gegen ihre rechten Feinde unter General Franco fand. Wer zwischen Tätern und Opfern unterscheidet, macht sich unbeliebt. Insbesondere Spaniens Jugend ist, politisch betrachtet, völlig meinungslos. Der frühere Diktator löst bei jungen Leuten weder Bewunderung noch Scheu aus.
Francisco Francos Aufstieg war rasant: Mit 22 Jahren war der Galizier jüngster Hauptmann der Armee. Wenig später stieg er zum Kommandeur der Fremdenlegion auf und schon 1935 erfolgte die Ernennung zum Oberbefehlshaber der spanischen Truppen. Nach einem Putsch von rechtsgerichteten, faschistischen Offizieren beginnt 1936 der spanische Bürgerkrieg. Wieder steht der junge Mann mit dem Oberlippenbart in der ersten Reihe: Franco ruft zur Revolution auf. Die Aufständischen proklamieren eine Gegenregierung und er wird ihr Präsident.
Der junge Emporkömmling gründet die faschistische Einheitspartei Falange Española, 1939 übernimmt er die Macht in ganz Spanien. Einzelne Parteiführer gingen ins Exil, doch die Mehrzahl der rechten Gruppierungen ordnete sich dem neuen Machthaber ohne jeden Widerstand unter. 1947 erklärt Franco Spanien zur Monarchie und sich selbst zum Regenten auf Lebenszeit. Von da an herrscht der Revolutionär als traditionsbewußter Militär, der seine Diktatur auf Kirche, Besitzbürgertum und Armee begründet und nicht auf Volksmassen unter dem Banner eines sozialistischen Nationalismus.
Den Spaniern gelang es nie, Franco aus eigener Kraft zu stürzen. Jeder Putschversuch scheiterte kläglich. Erst als der inzwischen alte Mann am 20. November 1975 in Madrid stirbt, trauen sich die Demokraten auf die Straße. Von da an wandte sich Spanien innerlich dem Westen zu. Aber wie so oft in der Geschichte, überrollte die Faszination der Zukunft das Gedächtnis. Wer denkt heute, 65 Jahre nach dem Ausbruch des Bürgerkrieges noch an Franco, der 30 Jahre lang die Geschicke des Landes bestimmte?
Der Übergang zu einer stabilen Demokratie sollte unter allen Umständen friedlich verlaufen. Die ständige Gefahr eines Militärputsches bestimmte in den Anfangsjahren das politische Denken und Handeln aller. Der neue König Juan Carlos I., einer der großen Architekten des Systemwechsels, war daher fest davon überzeugt, daß die bisherigen Machthaber nur zu bändigen sind, wenn sie keine Angst vor Verurteilung und Rache haben müssen. Kein Handlanger des Diktators wurde aus dem Amt gejagt. Die Taktik des jungen Staatsoberhauptes ging auf. Jeder Putschversuch stärkte die demokratischen Parteien, es gab gar einen einzigartigen Konsens zwischen Regierung und Opposition.
Aber dieser „Pakt des Vergessens“ machte Spanien zu einem Land ohne Täter. Um den demokratischen Neuanfang nicht zu gefährden, wurde auch Jahre später noch „Versöhnung“ propagiert. Bei den ersten freien Wahlen nach seinem Tode im Jahre 1977 nahmen die rechten Parteien wie selbstverständlich an den Wahlen teil, erreichten allerdings nur wenige Parlamentssitze.
Es gewann die UCD (Christdemokratische Union), eine Partei der politischen Mitte. Im „neuen“ Spanien hat sich viel geändert, doch manches scheint auf fast schon wundersame Art und Weise unverändert: Die neue Verfassung wurde 1978 einstimmig vom Parlament und mit 88prozentiger Zustimmung des Volkes in einem Referendum verabschiedet. Artikel 1.3 der spanischen Verfassung besagt allerdings trotz aller negativen Erfahrungen: „Die politische Form des spanischen Staates ist die einer parlamentarischen Monarchie.“ Die oberste Staatsgewalt liegt zwar bei dem aus zwei Kammern bestehenden Parlament, dem Cortes. Der König ist aber nicht nur repräsentatives Staatsoberhaupt, sondern auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Diese Regelung war undemokratisch aber während der unruhigen Geburtsjahre der Demokratie äußerst stabilitätsfördernd.
Wie schnell Spanien die Vergangenheit vergessen hat, zeigt sich auch an der jetzigen Regierung. Nur wenigen Spaniern ist bewußt, daß der heutige Ministerpräsident José María Aznar seine politische Laufbahn bereits in der Zeit der Franco-Diktatur begonnen hat. Die spanischen Bürger messen ihn einzig am wirtschaftlichen Erfolg
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